Ursprung und Geschichte des Eurasiers

  

Charlotte Baldamus

 

An dieser Stelle soll nun auf eine Persönlichkeit eingegangen werden, der in der Geschichte der Eurasierzucht eine fundamentale Rolle zuzuschreiben ist:

Charlotte Baldamus. Spätestens beim B-Wurf und bei der Aufzucht der Welpen hatte sie erkannt, dass diese Hunde etwas ganz Besonderes sind.

bild07 baldamus b-wurf

 

Im Jahre 1910 in Königsberg/Ostpreußen geboren, wuchs Charlotte Willfang in einer behüteten Kindheit in einer bürgerlichen Familie auf. Während ihr älterer Bruder (Dr. Georg Willfang, späteres Gründungsmitglied der ZG) ein Studium aufnehmen konnte, musste sie schon früh zum Lebensunterhalt der Familie beitragen. Sie verband das Notwendige mit ihrer schöpferischen Kreativität und begann eine Geflügelzucht mit Herdbuchtieren aufzubauen. So erlernte sie in den 30er und 40er Jahren die Vererbungslehre aus der Praxis heraus kennen. Doch der Krieg hat alles vernichtet. Als Heimatvertriebene fand sie in Baden eine neue Heimat, wo sie Wolfgang Baldamus - ebenfalls ein Ostpreuße - traf und im Mai 1950 heiratete. Bald danach erwarben sie den Jägerhof in Mittelberg, den sie mühsam bewirtschafteten. Frau Baldamus baute erneut eine Geflügelzucht auf, deren Erlös sie im nahen Ettlingen selbst vermarktete. Herr Baldamus nahm später einen Industrie-Arbeitsplatz in Gaggenau an, und die Landwirtschaft lief nebenher.

 

Ihre Erfahrung und ihr sicherer Blick für den Zuchtwert eines Tieres hat Frau Baldamus nicht nur bei ihrer Geflügelzucht geholfen. Ganz besonders profitierte davon die frühe Eurasierzucht. Mit unglaublicher Sicherheit erkannte Baldamus stets die geeigneten Tiere eines Wurfes und setzte diese konsequent ein. Es kam ihr dabei zu Gute, dass sie das Instrument der Inzucht und Inzestzucht aus ihrer früheren Praxis heraus virtuos beherrschte. So baute sie im Einvernehmen mit Julius Wipfel - der wohl bald erkannte, was er an ihr hatte - ihre Jägerhof-Linie auf, eine Inzestzucht bis zur fünften Generation ohne erkennbare „Schäden" und legte damit den Grundstein für die gesamte nachfolgende Eurasierzucht.

Die Tiere entsprachen schon weitgehend im Erscheinungsbild und im Verhalten den Idealvorstellungen. Charlotte Baldamus, geprägt von Not und Elend der Kriegs- und Nachkriegstage, war eine außergewöhnlich starke Persönlichkeit, wie sie die heutige Zeit kaum noch hervorzubringen im Stande wäre. Ihre Markenzeichen war Willensstärke, Geradlinigkeit, Ehrlichkeit, gnadenlose Offenheit, aber auch Herzlichkeit. Die Eurasier und die Eurasierleute erfüllten ihr Leben und der Mittelberg wurde im Laufe der Zeit zum Forum und zum Zentrum der Eurasierzucht. Der Jägerhof war ein weltoffenes Haus. Gäste waren nicht nur stets willkommen, nein, Gäste aus der ganzen Republik und aus dem nahen Ausland waren - zumindest am Wochenende - stets anwesend ... mit Hunden versteht sich. Der Spruch auf einem Küchentuch an der Wand sagte alles aus: Fünf sind geladen - Zehn sind gekommen - Schütt' Wasser in die Suppe - Heiß' alle willkommen.

 

bild08 jaegerhof mittelbergDer Eurasier war natürlich Thema Nr.1: Zucht, Verhalten und Besonderheiten. Auch Erlebnisse wurden zum Besten gegeben, Beobachtungen und Meinungen wurden ausgetauscht und es wurde viel gelacht. Wer in der Fachecke mitdiskutieren, oder gar der Chefin widersprechen wollte, hatte tunlichst nicht "daherzuschwätzen", sondern handfeste Argumente vorzubringen. Ja, es konnte bei den Wortgefechten auch heftig werden. In der anderen Ecke der guten Stube hatte Herr Baldamus das "nicht-so-eurasier- fachkundige" Begleitpersonal um sich versammelt. Hier wurden die "wirklich wichtigen" Probleme der Welt- und
Landespolitik, des Sports und der Agrarwirtschaft besprochen und entschieden. Unqualifizierte Diskussionseinwürfe seitens der Politiker in die Züchterdiskussion wurden jedoch rigoros geahndet. "Karli, halt dich da raus, davon verstehst du nix!"

 

Die Zucht nach Wipfels Zuchtplan (sie entsprach ursprünglich dem o.g. Beispiel der systematischen Verpaarung - Methode A - allerdings mit Selektion) konnte aus den bereits genannten Gründen nicht konsequent durchgehalten werden und es wurde bereits früh zwischen den Linien verpaart. Erschwerend kam hinzu: Viele Hundebesitzer waren an der Zucht einfach nicht interessiert oder die Hunde-Typen entsprachen einfach nicht den Vorstellungen. Dazu muss man wissen, dass der Hund damals noch nicht den Stellenwert in Hof und Haus hatte, wie das heute der Fall ist. Man war froh die "komischen Mischlingshunde" irgendwo unterzubringen. Die häufigsten Todesursachen jüngerer Hunde waren "überfahren" und "erschossen". So musste man zur Zucht nehmen, was zur Verfügung stand und das Beste daraus machen.