Zum Gedenken an Julius Wipfel

 

Anfang Dezember erhielten wir die traurige Nachricht vom Tode von Julius Wipfel. Er starb am 20. Nov. 2002 nach schwerer Krankheit im Alter von 83 Jahren.

 

Unser Mitgefühl gilt seiner Familie und besonders seiner Frau, die mit ihrem Mann auch einen Partner des gemeinsamen Abenteuers "Eurasier" verloren hat.

 

Julius Wipfel hatte einst die Idee, einen charakterstarken, polarspitzartigen Hund zu züchten.

 

Diese Idee reifte nach den eigenen, positiven Erfahrungen mit einem derartigen, außergewöhnlichen Hund, für den er nach dessen Tod keinen Ersatz fand.

 

1960 begann Wipfel mit der planmäßigen Zucht des damals so genannten "Wolfs-Chow", der 13 Jahre später in "Eurasier" umbenannt wurde. Als Wolfsspitz-Züchter und Kenner war es für Wipfel nahe liegend, diese uralte Rasse als Ausgangsrasse zu wählen. Als Partner war der Chow-Chow - eine ebenso alte, asiatische Spitzrasse - nicht zufällig ausgewählt, hatte doch Konrad Lorenz gut 20 Jahre zuvor die hervorragenden Charaktereigenschaften aus der Nachzucht einer Zufalls-Verpaarung zwischen einem Chow-Chow-Rüden und einer Deutschen Schäferhündin beobachtet und beschrieben.

 

Diese wohlüberlegte, gelungene Rasseauswahl hat sich als die erste Sternstunde in der Eurasierzucht erwiesen. Energie, eine glückliche Hand und ein engagierter Züchterkreis, führten bald zum Erfolg der neuen Rasse, deren damals enge Zuchtbasis im Laufe der Jahre systematisch ausgebaut wurde.

 

Es blieb nicht aus, dass es in dem seit Anfang bestehenden Zuchtverein zu Interessenkonflikten kam. Auch die Zuchtziele wurden unterschiedlich definiert - teils nach Wipfels Vorgaben, teils nach Vorgaben, die sich mehr an der ehemaligen Lorenz'schen Zucht orientierte. Der Verein an sich, plus verschiedene Zuchtphilosophien, das ist wie ein Verein im Quadrat, eine explosive Mischung; hier ist Streit nicht fern.

 

Die Ursache von Streitereien fußte meist in der puren Begeisterung für die Sache "Eurasier", die freilich leicht in Fanatismus ausarten kann. Verständlich, wenn manches geneigte aber unschlüssige Vereinsmitglied sich an Goethes Mephisto-Rat zur Theologie hielt:

 

Was diese Wissenschaft betrifft,

Es ist so schwer, den falschen Weg zu meiden,

Es liegt in ihr so viel verborgenes Gift,

Und von der Arznei ist's kaum zu unterscheiden.

Am besten ist's auch hier, wenn Ihr nur einen hört

Und auf des Meisters Worte schwört.

 

So blieb es nicht aus, dass im Laufe der Jahre mehrere Vereinsneugründungen folgten und unterschiedliche Wege in der Zucht begangen wurden. Wer hatte nun Recht?

 

Alle hatten Recht - mehr oder weniger! Bei der ersten, noch zaghaften Kontaktaufnahme während einem 1986 einberufenen "Eurasier-Symposium" aller drei deutschen Eurasierklubs, bei dem auch eine Auswahl Zuchttiere aus den drei Vereinen vorgestellt wurden, konstatierte Wipfel mit sichtlicher Zufriedenheit: "Es war nicht sehr schädlich, dass sich die Wege trennten". Das typische Erscheinungsbild des Eurasiers war bei aller Vielfalt der Zuchtrichtungen gewahrt geblieben.

 

Meine letzte Begegnung mit Julius Wipfel anlässlich der EKW - Jubiläumsveranstaltung im Sommer 2000 in Mannheim, wird mir in guter Erinnerung bleiben. Wir alle erlebten ihn als einen charmanten, entspannten, ja heiteren Menschen, dem sein hohes Alter absolut nicht anzusehen war. Im Gespräch zeigte er sich aufgeschlossen, interessiert und über das Zuchtgeschehen wohl informiert.

 

Gerne erinnere ich mich an unser Gespräch am gleichen Abend als er zu meiner Überraschung zu mir an den ZG-Tisch kam. Es war ihm ein Bedürfnis, das am Nachmittag leidenschaftlich geführte, aber durch den Zeitplan unterbrochene Eurasier-Gespräch fortzuführen. Nach seinem Eindruck gefragt über die am Tage gesehene internationale Eurasierauswahl - der aktuellen Ergebnisse seiner großartigen Idee - signalisierte er Zuversicht und Zufriedenheit, zeigte sich aber gleichzeitig besorgt um die Zukunft.

 

Er verabschiedete sich mit dem Wunsch, dass es den Vereinen und Vereinigungen im Land und in der Welt gelingen möge, die - meist menschlichen - Hürden zu überwinden und zu einer engeren Zusammenarbeit zurückzufinden.

Hierzu, so glaube ich auch im Interesse der ZG sagen zu dürfen, sind wir offen.

 

Julius Wipfel wird uns als ein Mensch mit "Ecken und Kanten" und einem festen Willen in Erinnerung bleiben. Er war in der Lage, seine großartige "Eurasier-Idee" umzusetzen mit weltweitem Erfolg. Mit Respekt und Dankbarkeit werden wir Seiner gedenken.

 

Wie recht haben doch jene Eurasierfreunde, die unter dem Eindruck der Todesnachricht zu bedenken gaben: "...er hat unser Leben ziemlich maßgebend verändert".

 

Alfred Müller für die Zuchtgemeinschaft für Eurasier e.V.